Frühling und Frühsommer sind die Zeit der Jungvögel. Immer wieder werden junge Vögel von Spaziergängerinnen und Spaziergängern gefunden und aus Sorge mitgenommen. In vielen Fällen benötigen diese Tiere jedoch KEINE Hilfe.
Wir bitten deshalb darum, vor einem Eingreifen genau hinzusehen!
Nicht jeder Jungvogel ist hilfsbedürftig
Viele Vogelarten verlassen ihr Nest bereits, bevor sie richtig fliegen können. Diese sogenannten Ästlinge sitzen am Boden, im Gebüsch oder auf niedrigen Ästen und wirken oft verlassen. Typische Beispiele sind Amseln, Krähen oder Elstern (Foto).
Die Jungvögel werden weiterhin von ihren Eltern versorgt – auch wenn diese gerade nicht sichtbar sind. In solchen Fällen gilt deshalb: bitte nicht mitnehmen!
Wann ein Jungvogel wirklich Hilfe braucht
Ein Eingreifen ist sinnvoll, wenn:
- der Vogel verletzt ist oder sichtbar geschwächt wirkt,
- er von einer Katze oder einem Hund gebracht wurde,
- er nackt oder kaum befiedert ist (Nestling) und aus dem Nest gefallen ist,
- er sich an einer gefährlichen Stelle befindet, beispielsweise auf einer Strasse.
Wenn möglich, sollte ein Nestling vorsichtig zurück ins Nest gesetzt werden. Die Eltern nehmen ihre Jungen weiterhin an, auch wenn sie kurz von Menschen berührt wurden.
Richtig aufnehmen und transportieren
Muss ein Jungvogel gesichert werden, sollte er vorsichtig in eine kleine, gut belüftete Schachtel mit Küchenpapier oder einem Tuch gesetzt werden. Wichtig ist eine ruhige, warme und dunkle Umgebung, damit sich das Tier nicht zusätzlich stresst.
Für Wärme eignen sich beispielsweise:
- ein kleines Wärmekissen,
- ein aufgewärmtes trockenes Tuch,
- eine kleine geschlossene Flasche mit warmem Wasser.
Bitte kein Gras oder anderes Material in die Schachtel legen. Die Schachtel sollte geschlossen sein und über Luftlöcher verfügen, damit der Vogel nicht herausspringt
Bitte nicht füttern oder Wasser geben
Ein häufiger Fehler ist das Füttern oder Eingeben von Wasser in den offenen Schnabel. Bitte tun Sie das nicht!
Vögel haben eine sehr empfindliche Luftröhre. Wasser oder Futter gelangen leicht in die Atemwege und können schwere Komplikationen oder sogar den Tod verursachen.
Auch ungeeignete Nahrung kann bei Wildvögeln gravierende Folgen haben – von Verdauungsproblemen über innere Verletzungen bis hin zu lebensbedrohlichen Darmverschlüssen.
>>Nur weil ein Vogel seinen Schnabel öffnet, bedeutet das nicht, dass er sofort gefüttert werden muss. In der kurzen Zeit oder über Nacht wird er nicht verhungern oder verdursten.<<
Möglichst rasch zur Wildvogelstation bringen
Tatsächlich hilfsbedürftige Jungvögel sollten so schnell wie möglich zu einer fachkundigen Wildvogelstation gebracht werden. Dort können die Tiere artgerecht versorgt und später – wenn möglich – wieder ausgewildert werden.
Bei Unsicherheit empfehlen wir zuerst telefonisch Kontakt mit der Wildvogelstation in Kreuzlingen-Sägenösch Tel: 079 817 65 61 aufzunehmen. Die Station ist täglich geöffnet. Das Pflegepersonal berät gerne zur richtigen Vorgehensweise. Falls die Station bereits geschlossen ist, folgen Sie bitte keinen Tipps aus dem Internet, sondern sichern Sie den Vogel wie oben beschrieben, und rufen Sie am morgen an.
Auf keinen Fall zu Hause pflegen oder aufziehen
Das Team der Wildvogel- und Reptilienpflegestation Kreuzlingen erlebt immer wieder tragische Fälle.
So brachte kürzlich ein Mann eine junge Blaumeise zur Station, die er bereits eine Woche zuvor gefunden hatte. Da er keine Zeit mehr für das Tier hatte, suchte er Hilfe. Die Meise litt jedoch bereits unter schweren Fehlstellungen der Gliedmassen und massivem Gefiederschaden und konnte nur noch erlöst werden.
In einem weiteren Fall legte eine Familie zwei gefundene Blesshuhneier unter eine brütende Henne. Das erste geschlüpfte Küken wurde von anderen Tieren attackiert und tödlich verletzt. Das zweite Küken kam zwar noch in die Station, verstarb jedoch kurze Zeit später.
Die Pflege von Wildvögeln ist äusserst komplex und kann nicht einfach zu Hause als «Do-it-yourself-Projekt» umgesetzt werden. Jede Art hat unterschiedliche Bedürfnisse, und bereits kleine Fehler bei Fütterung, Haltung oder Pflege können schwerwiegende Folgen haben.
